Ist 10-Finger-Schreiben heute noch sinnvoll?
Wer mit einigen Fingern tippt, kommt oft erstaunlich gut zurecht. Ob sich das Umlernen trotzdem lohnt, ist deshalb eine berechtigte Frage. Unsere ehrliche Antwort: Es hängt davon ab, wie du heute tippst, und nicht davon, wie viele Finger du dabei benutzt.
Selbst gelernt heisst nicht langsam
Feit, Weir und Oulasvirta haben genau beobachtet, wie Menschen im Alltag tippen. Das Ergebnis mag überraschen. Wer das Zehnfingersystem gelernt hatte, kam im Schnitt auf 57,8 Wörter pro Minute (WPM), wer sich das Tippen selbst beigebracht hatte, auf 58,9 WPM. Einen Unterschied im Tempo fanden die Forschenden nicht.
Entscheidend für das Tempo waren andere Eigenschaften: eine eindeutige Zuordnung von Taste zu Finger, das Vorbereiten der nächsten Anschläge, während der aktuelle noch läuft, und möglichst wenig Bewegung der ganzen Hand.
Daraus folgt eine nüchterne Einschätzung. Das Zehnfingersystem ist ein verlässlicher Weg zu genau diesen Eigenschaften, aber nicht der einzige. Es legt von Anfang an fest, welcher Finger welche Taste drückt, und gibt den Händen mit der Grundstellung einen festen Platz. Wer sich ein ebenso festes eigenes Muster angeeignet hat, braucht es für das Tempo nicht unbedingt. Frag dich also nicht, wie viele Finger du benutzt, sondern ob deine Finger bei jedem Wort dieselben Wege gehen.
Zur Einordnung der Zahlen: Im grossen Online-Tipptest, den Dhakal und Kollegen ausgewertet haben, lag der Durchschnitt bei 51,56 WPM. Die Teilnehmenden hatten sich freiwillig dafür gemeldet; der Wert beschreibt also nicht die ganze Bevölkerung. Wie du dein eigenes Tempo einschätzt, liest du unter WPM richtig einordnen.
Was das Zehnfingersystem ausser Tempo bietet
Auch bei gleichem Tempo bleiben Unterschiede, die du im Alltag merkst. Blind schreiben heisst, dass dein Blick beim Text bleibt. Einen Tippfehler siehst du in dem Moment, in dem er entsteht, und nicht erst am Ende des Absatzes. Beim Abschreiben einer Vorlage fällt der Blick zur Tastatur weg; du wechselst nur noch zwischen Vorlage und Bildschirm.
Dazu kommt die Vollständigkeit. Das Zehnfingersystem legt für jede Taste einen Finger fest, auch für seltene Buchstaben wie X und Y oder für die Klammern. Prüfe bei deinem eigenen Muster, ob du auch diese Tasten ohne Suchen triffst.
Wer mit zwei oder drei Fingern tippt, muss die Hand zu fast jeder Taste bewegen. Genau diese Bewegung der ganzen Hand halten schnelle Tippende laut Feit und Kollegen klein. Achte beim Abwägen also nicht nur auf die WPM-Zahl, sondern auch darauf, wie viel Aufmerksamkeit dich das Suchen der Tasten kostet.
Für wen sich der Umstieg lohnt
Am meisten gewinnst du, wenn eines dieser Muster auf dich zutrifft:
- Du schreibst täglich viel, etwa Berichte oder eine Abschlussarbeit.
- Dein Blick wandert ständig zwischen Tastatur und Bildschirm, und Tippfehler fallen dir oft erst beim Durchlesen auf.
- Dieselbe Taste drückst du mal mit dem Zeigefinger, mal mit dem Mittelfinger. Dann fehlt genau die feste Zuordnung, die schnelles Tippen ausmacht.
Weniger bringt der Umstieg, wenn du schon ohne Hinsehen tippst, deine Finger feste Wege gehen und du mit deinem Tempo zufrieden bist. Dann kostet dich das Umlernen einige Wochen, in denen du langsamer schreibst, und der Gewinn ist ungewiss. Investiere deine Zeit in diesem Fall lieber in gezieltes Tempotraining, wie es Schneller tippen: was die Forschung wirklich sagt beschreibt.
Der Umstieg kostet zuerst Tempo
Der Aufwand ist überschaubar, aber real. Nach unserer Einschätzung kommen bis zum sicheren Blindschreiben 20 bis 35 Übungsstunden zusammen; wie sie sich auf die Wochen verteilen, zeigt Wie lange dauert es, 10 Finger schreiben zu lernen?
Dazu kommt eine Durststrecke. Kurz nach dem Umstieg schreibst du oft langsamer als früher, und der Blick wandert zurück zur Tastatur, weil das im Moment schneller geht. Yechiam und Kollegen verweisen auf frühere Forschung, die genau diesen Rückfall beschreibt: Erfolg im Kurs heisst noch lange nicht, dass jemand die neue Technik auch beim täglichen Schreiben beibehält.
Durchhalten kann sich lohnen. Im Kurs von Weigelt Marom und Weintraub lagen die Studierenden nach drei Monaten über ihrem Ausgangstempo, obwohl eine der beiden Gruppen direkt nach dem Kurs zunächst Tempo verloren hatte. Ein nicht begutachteter Schulbericht von Ertl weist in dieselbe Richtung: Kinder, die schon in der fünften Klasse auf 20 WPM oder mehr kamen, behielten die Fertigkeit eher.
Wer anfängt, sollte also lange genug dranbleiben. Plane bewusst mehrere Wochen ein, in denen du auch im Alltag konsequent blind schreibst.
Ein Selbsttest hilft bei der Entscheidung
Bevor du dich festlegst, lohnt sich ein kurzer Test. Stell dein Handy so auf, dass es deine Hände und dein Gesicht von der Seite filmt. Tippe dann zwei Minuten lang einen Absatz aus einem Buch ab. Schau dir die Aufnahme danach in Ruhe an.
Zwei Fragen leiten sich direkt aus der Studie von Feit und Kollegen ab: Kommt derselbe Buchstabe immer vom selben Finger? Wie weit wandern deine Hände? Die dritte betrifft das Blindschreiben selbst: Wie oft geht dein Blick zur Tastatur? Fällt dir bei einer dieser Fragen etwas auf, spricht viel für das Zehnfingersystem. Wirkt alles ruhig und gleichmässig, bleib bei deiner Technik und arbeite an Genauigkeit und Tempo.
Wenn du umsteigen willst, musst du dafür nichts bezahlen. Einen Überblick über kostenlose Programme gibt 10-Finger-Schreiben kostenlos lernen.
Einen ersten Eindruck bekommst du mit den ersten Lektionen im Trainer: Sie beginnen mit der Grundreihe, und du kannst ohne Anmeldung loslegen.
Häufige Fragen
- Bin ich zu alt, um das Zehnfingersystem zu lernen?
- Die Studien, auf die sich dieser Ratgeber stützt, untersuchten Schulkinder, Studierende und Postangestellte; in allen Gruppen machten die Teilnehmenden Fortschritte. Zahlen speziell für ältere Erwachsene kennen wir nicht. Wichtiger als das Alter dürfte sein, dass du regelmässig in kurzen Einheiten übst und dir für die Umstellung einige Wochen Zeit nimmst.
- Brauche ich dafür eine besondere Tastatur?
- Nein. Jede Tastatur mit dem Layout, das du gewohnt bist, eignet sich, auch die eines Laptops: Die Buchstaben liegen dort an denselben Stellen, und viele Modelle haben auf F und J fühlbare Tastmarken. Wichtig ist, dass im Betriebssystem das Layout eingestellt ist, das auf den Tasten steht, bei einer Schweizer Tastatur also das Schweizer Layout. Im Trainer wählst du dasselbe Layout, damit Bildschirmtastatur und Übungen zu deinen Tasten passen.
- Hilft mir das Zehnfingersystem auch beim Schreiben am Handy?
- Kaum. Das Zehnfingersystem ist für Tastaturen gemacht, auf denen beide Hände in der Grundstellung liegen. Auf dem Touchscreen tippst du anders, oft nur mit den Daumen. Sobald du aber regelmässig längere Texte am Computer schreibst, etwa in der Ausbildung oder im Beruf, lohnt sich das Lernen.
- Lohnt sich das Zehnfingersystem auch bei Lernschwierigkeiten?
- Eine Studie mit Studierenden spricht dafür. Wer Lernschwierigkeiten hatte, war am Ende des Kurses im Schnitt sogar leicht schneller als zuvor, und nach drei Monaten lagen beide untersuchten Gruppen signifikant über ihrem Ausgangstempo, bei einer Genauigkeit von über 95 %. Das ist ein einzelner Befund und keine Garantie. Bei konkreten Schwierigkeiten lohnt sich zusätzlich der Rat einer Fachperson.
Quellen
- Feit, A. M., Weir, D., & Oulasvirta, A. (2016). How we type: Movement strategies and performance in everyday typing. Proceedings of the CHI Conference on Human Factors in Computing Systems, 4262–4273. doi.org/10.1145/2858036.2858233
- Dhakal, V., Feit, A. M., Kristensson, P. O., & Oulasvirta, A. (2018). Observations on typing from 136 million keystrokes. Proceedings of the CHI Conference on Human Factors in Computing Systems. doi.org/10.1145/3173574.3174220
- Yechiam, E., Erev, I., Yehene, V., & Gopher, D. (2003). Melioration and the transition from touch-typing training to everyday use. Human Factors, 45(4), 671–684. doi.org/10.1518/hfes.45.4.671.27085
- Weigelt Marom, H., & Weintraub, N. (2015). The effect of a touch-typing program on keyboarding skills of higher education students with and without learning disabilities. Research in Developmental Disabilities, 47, 208–217. doi.org/10.1016/j.ridd.2015.09.014
- Ertl, M. A. (2007). The effects of initial touch keyboarding speed achievement of fifth graders and touch keyboarding skill retention in seventh grade. ERIC Document ED499927. eric.ed.gov/?id=ED499927
- Baddeley, A. D., & Longman, D. J. A. (1978). The influence of length and frequency of training session on the rate of learning to type. Ergonomics, 21(8), 627–635. doi.org/10.1080/00140137808931764
- van Weerdenburg, M., Tesselhof, M., & van der Meijden, H. (2019). Touch-typing for better spelling and narrative-writing skills on the computer. Journal of Computer Assisted Learning, 35(1), 143–152. doi.org/10.1111/jcal.12323